Konzepte · Fachanwendung Justiz

Konzeptstudie Fachanwendung Justiz: Best-of-Breed-Strategie

Die bestehenden Fachapplikationen der Schweizer Justiz sind oft monolithisch, veraltet und an ihre Grenzen gestossen. Im Auftrag von HIS-Schweiz hat die Ehrenreich AG eine Konzeptstudie erarbeitet, die einen konkreten Weg aufzeigt: weg von isolierten Systemen, hin zu einer modularen, ereignisorientierten Architektur nach dem Best-of-Breed-Prinzip.

Von der Bestandsaufnahme zur Zielarchitektur — eine fundierte Entscheidungsgrundlage für die nächste Generation der Justizsysteme.

Ausgangslage: Warum die heutigen Systeme an ihre Grenzen stossen

Die Schweizer Justiz steht vor einem fundamentalen Wandel: dem Übergang von papiergestützten Verfahren zu einer vollständig elektronischen Aktenführung entlang der gesamten Justizkette — von der Polizei über Staatsanwaltschaften und Gerichte bis zum Justizvollzug. Dieser Paradigmenwechsel betrifft sämtliche Akteure, einschliesslich professioneller Dritter wie Rechtsanwälte, Gutachterinnen und Opferhilfestellen.

Die bestehenden Fachapplikationen — Tribuna, JURIS, GINA und diverse kantonsspezifische Lösungen — sind über Jahre gewachsen, überwiegend monolithisch aufgebaut und technologisch veraltet. Selbst innerhalb eines Kantons kommen unterschiedliche Produkte zum Einsatz: Staatsanwaltschaft, Gerichte und Justizvollzug arbeiten häufig mit verschiedenen Systemen, die nicht aufeinander abgestimmt sind.

Übersicht der Fachapplikationen in den Staatsanwaltschaften der 26 Schweizer Kantone — Tribuna, JURIS und kantonsspezifische Lösungen im Vergleich, Stand 2024
Fachapplikationen Staatsanwaltschaften: Tribuna (grün) und JURIS (blau) dominieren 22 von 26 Kantonen.

Die Konsequenzen sind gravierend: Medienbrüche zwischen Papier und Digital, doppelte Datenerfassung, manuelle Prozessschritte und eine starke Abhängigkeit von wenigen Anbietern. Tribuna und JURIS allein decken 22 der 26 Kantone bei den Staatsanwaltschaften ab. Diese Marktkonzentration schwächt die Verhandlungsposition der öffentlichen Hand, hemmt Innovation und erzeugt Lock-in-Effekte, die einen Systemwechsel praktisch verunmöglichen.

Hinzu kommt der wachsende Handlungsdruck durch den elektronischen Rechtsverkehr (ERV): Die Einführung erfordert durchgängig digitale Prozesse, die mit den heutigen Systemlandschaften nicht abbildbar sind.

Drei Perspektiven — ein gemeinsames Ziel

Sachbearbeitende in Staatsanwaltschaften, Gerichten und im Justizvollzug erwarten von einer modernen Fachapplikation, was sie aus dem privaten digitalen Umfeld kennen: intuitive Bedienung, kurze Ladezeiten, stabile Verfügbarkeit und intelligente Unterstützung bei Routineaufgaben. Automatische Fristenerkennung, intelligente Aktenzuordnung und rollenbasierte Oberflächen sind keine Luxusfunktionen — sie sind Voraussetzung für die Akzeptanz eines neuen Systems. Besonders kritisch ist die Einbindung professioneller Dritter: Rechtsanwälte benötigen medienbruchfreien Zugriff auf Akten, Gutachterinnen temporäre, feingranulare Zugriffsrechte auf Teilbereiche.

Für die betreibenden Behörden geht es um Rechtssicherheit, Datenschutz, Revisionssicherheit und langfristige Wirtschaftlichkeit. Standardisierung und Interoperabilität sind zentral — ebenso wie die Fähigkeit, Anbieter zu wechseln, ohne die gesamte Systemlandschaft neu aufbauen zu müssen. Die Studie identifiziert einen kritischen Handlungsbedarf: Behörden müssen eigenes technisches und fachliches Know-how aufbauen, um nicht länger von Lieferanten abhängig zu sein, die sowohl Prozesswissen als auch Systemkompetenz bündeln.

Der Markt befindet sich im Umbruch. Klassische Anbieter mit tiefem Justizwissen stehen einer neuen Generation von Technologieunternehmen gegenüber, die zwar moderne Plattformen mitbringen, aber das domänenspezifische Fachwissen erst erwerben müssen. Die Studie zeigt: Beide Seiten brauchen einander. Der Best-of-Breed-Ansatz eröffnet neuen Anbietern den Marktzugang, ohne dass sie das gesamte Justizwissen von Beginn an mitbringen müssen — vorausgesetzt, der Wissenstransfer ist institutionell verankert.

Best-of-Breed: Die Strategie hinter der Architektur

Statt ein einzelnes, monolithisches System zu beschaffen, empfiehlt die Studie eine Best-of-Breed-Strategie: die gezielte Kombination spezialisierter Komponenten zu einer leistungsfähigen Gesamtlösung. Dokumentenmanagement, Fristenmanagement, Statistik, Kommunikation und weitere Module werden über standardisierte Schnittstellen integriert. Einzelne Komponenten können unabhängig voneinander erneuert oder ausgetauscht werden — ohne den Gesamtbetrieb zu gefährden.

Funktionsgruppen-Landkarte einer modernen Justiz-Fachapplikation — Fallbearbeitung, Digitale Akte, Administration, Kommunikation, Analyse und Querschnittsfunktionen
Funktionsgruppen-Landkarte: Der Funktionsumfang, den eine moderne Fachapplikation abdecken muss.

Die technische Grundlage bildet eine modulare, ereignisorientierte Architektur (Event-Driven Architecture). Im Kern steht ein zentraler Eventhub mit Event Sourcing, der jede Zustandsänderung als unveränderliches Ereignis protokolliert. Dadurch wird systemweite Nachvollziehbarkeit und Revisionssicherheit gewährleistet — eine unverzichtbare Anforderung im Justizumfeld.

High-Level-Zielarchitektur einer modularen Fachapplikation — Kernapplikation, Eventhub mit Eventstore und spezialisierte Breeds, verbunden über standardisierte Adapter
Zielarchitektur: Kernapplikation, Eventhub und Breeds kommunizieren über standardisierte Adapter.

Die Architektur folgt dem Prinzip des Domain-Driven Design (DDD): Jede fachliche Domäne — Fallführung, Verfügungswesen, Aktenmanagement, Kommunikation — wird als eigenständiges, lose gekoppeltes Modul umgesetzt. Über standardisierte Adapter werden spezialisierte Breeds (externe Fachkomponenten) angebunden — ein Paradebeispiel für die Integration technischer Lösungen in komplexe Systemlandschaften. Offene Standards wie OpenAPI für synchrone und AsyncAPI für asynchrone Kommunikation stellen die Interoperabilität sicher.

Detailansicht der Zielarchitektur — Kernapplikation mit Benutzeroberfläche, Backend for Frontend und Fachservices, angebunden an Eventhub, Eventstore sowie Breed-Adapter
Detailarchitektur: Benutzeroberfläche, BFF, Fachservices, Eventhub/Eventstore und Breeds im Zusammenspiel.

Betrieb und Umsetzung

Die Studie beschreibt drei Betriebsmodelle: den Inhouse-Betrieb durch die Behörde selbst, ein Kooperationsmodell mehrerer Organisationen und den Betrieb durch einen externen Dienstleister. Hybride Szenarien sind möglich — etwa der Inhouse-Betrieb sensibler Verfahren bei gleichzeitiger Auslagerung standardisierter Komponenten. Die Wahl hängt vom technischen Reifegrad, den verfügbaren Ressourcen und den Governance-Anforderungen ab.

Für die Umsetzung empfiehlt die Studie ein Generalunternehmermodell: Ein erfahrener Integrator übernimmt die Gesamtverantwortung für Architektur, Integration und Qualitätssicherung — eine Aufgabe, die fundiertes Projektmanagement voraussetzt. Voraussetzungen sind nachgewiesene Erfahrung mit Best-of-Breed-Integrationen, ereignisgesteuerter Architektur, Sicherheitsstandards sowie fundierte Kenntnisse des Schweizer Justizumfelds.

Machbarkeit und Ausblick

Die Konzeptstudie kommt zu einem klaren Ergebnis: Die vorgeschlagene Architektur ist machbar und tragfähig. Die befragten Softwareanbieter bestätigen, dass modulare Applikationen sich als Standard durchgesetzt haben und ereignisgesteuerte Architekturen als zukunftsfähig gelten. Gleichzeitig bestehen Risiken — insbesondere beim Integrationsaufwand, der technischen Komplexität und der nachhaltigen Pflege von Open-Source-Komponenten.

Die Chancen überwiegen: Flexibilität, Innovationspotenzial und die Möglichkeit zur schrittweisen Modernisierung. Voraussetzung ist eine strukturierte, etappenweise Umsetzung mit klaren Verantwortlichkeiten, verbindlichen Standards für Schnittstellen und Datenmodelle sowie dem konsequenten Aufbau von Governance-Strukturen und Know-how in den betreibenden Organisationen.

Die Studie bietet damit eine fundierte Entscheidungsgrundlage für die zukünftige Ausgestaltung von Fachapplikationen im Schweizer Justizbereich — und skizziert einen realistischen Pfad für die digitale Transformation der Justiz.

Häufige Fragen

Was ist die Konzeptstudie Fachanwendung Justiz?

Die Konzeptstudie wurde im Auftrag von HIS-Schweiz durch die Ehrenreich AG erarbeitet. Sie analysiert die bestehende Systemlandschaft der Schweizer Justiz, erhebt die Anforderungen von Anwendern und Organisationen und entwickelt eine zukunftsfähige Zielarchitektur. Das Ergebnis ist eine fundierte Entscheidungsgrundlage für die nächste Generation von Fachapplikationen im Justizbereich.

Was bedeutet Best-of-Breed im Kontext der Studie?

Best-of-Breed bezeichnet die Strategie, spezialisierte Komponenten verschiedener Anbieter über standardisierte Schnittstellen zu einer Gesamtlösung zu integrieren — statt auf ein einzelnes, monolithisches System zu setzen. Einzelne Module wie Dokumentenmanagement, Fristenmanagement oder Statistik können unabhängig voneinander erneuert oder ausgetauscht werden.

Warum empfiehlt die Studie eine ereignisorientierte Architektur?

Eine ereignisorientierte Architektur (Event-Driven Architecture) protokolliert jede Zustandsänderung als unveränderliches Ereignis. Dies gewährleistet Revisionssicherheit und lückenlose Nachvollziehbarkeit — zentrale Anforderungen im Justizumfeld. Über einen Eventhub kommunizieren alle Komponenten asynchron und lose gekoppelt, was Flexibilität und Ausfallsicherheit erhöht.

Wie geht die Studie mit der Lieferantenabhängigkeit um?

Die Studie zeigt, dass wenige Anbieter den Markt dominieren — Tribuna und JURIS decken 22 von 26 Kantonen bei den Staatsanwaltschaften ab. Die Best-of-Breed-Strategie löst diese Abhängigkeit strukturell auf: Durch modulare Architektur und offene Standards können einzelne Komponenten unabhängig ausgetauscht werden, ohne die Gesamtlösung zu gefährden.

Welche Betriebsmodelle werden empfohlen?

Die Studie beschreibt drei Modelle: Inhouse-Betrieb durch die Behörde, ein Kooperationsmodell mehrerer Organisationen und den Betrieb durch einen externen Dienstleister. Hybride Kombinationen sind möglich. Die Wahl hängt vom technischen Reifegrad, den verfügbaren Ressourcen und den Governance-Anforderungen der jeweiligen Organisation ab.

Was ist die Rolle eines Generalunternehmers?

Ein Generalunternehmer übernimmt die Gesamtverantwortung für Architektur, Integration und Qualitätssicherung der modularen Lösung. Voraussetzungen sind Erfahrung mit Best-of-Breed-Integrationen, ereignisgesteuerter Architektur, Sicherheitsstandards und fundierte Kenntnisse der Schweizer Justiz.

Ist die vorgeschlagene Architektur umsetzbar?

Ja. Die im Rahmen der Studie befragten Softwareanbieter bestätigen, dass modulare Architekturen sich als Marktstandard durchgesetzt haben und ereignisgesteuerte Ansätze als zukunftsfähig gelten. Die Machbarkeit hängt von einer etappenweisen Umsetzung, dem gezielten Aufbau von Know-how und funktionierenden Governance-Strukturen ab.

Interesse an der Konzeptstudie?

Erfahren Sie mehr darüber, wie regelbasierte Fachanwendungen die Justiz nachhaltig verändern können.