Die Digitalisierung der Justiz wird oft mit elektronischen Akten, digitalen Signaturen oder neuen Portalen gleichgesetzt. Doch diese Sicht greift zu kurz. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht in der Oberfläche, sondern im Kern der Systeme: in den Fachanwendungen selbst.
Die aktuelle Konzeptstudie zu Fachanwendungen in der Justiz macht deutlich, dass viele bestehende Lösungen ihre Grenzen erreicht haben. Sie sind funktional, unterstützen die tägliche Arbeit – aber sie sind nicht darauf ausgelegt, die zunehmende Komplexität fachlicher Anforderungen nachhaltig zu tragen.
Das eigentliche Problem liegt tiefer
Fachanwendungen sind in den meisten Fällen historisch gewachsen. Sie orientieren sich an Organisationseinheiten, Prozessen oder konkreten Arbeitsabläufen. Was dabei oft fehlt, ist eine saubere Abbildung der fachlichen Logik.
Das zeigt sich besonders dann, wenn sich Rahmenbedingungen ändern. Neue gesetzliche Vorgaben, angepasste Rechtsprechung oder zusätzliche Anforderungen führen regelmässig zu Anpassungen in den Systemen – häufig mit erheblichem Aufwand. Der Grund dafür ist einfach: Fachliche Regeln sind oft direkt im Systemcode verankert, statt als eigenständige, nachvollziehbare Logik modelliert zu sein.
Die Folge sind Abhängigkeiten, Inkonsistenzen und eine steigende Komplexität, die sich langfristig kaum mehr beherrschen lässt.
Fachliche Objekte statt technischer Strukturen
Ein zentraler Gedanke der Konzeptstudie ist deshalb die konsequente Ausrichtung an fachlichen Objekten. Verfahren, Entscheide, Personen oder Qualifikationen sind nicht einfach Datenfelder, sondern bilden die Realität der Justiz ab.
Wenn diese Objekte klar definiert und ihre Beziehungen sauber modelliert sind, entsteht ein gemeinsames Verständnis – unabhängig davon, welches System sie verarbeitet. Genau darin liegt die Grundlage für Interoperabilität und nachhaltige Weiterentwicklung.
Codes als Fundament der Digitalisierung
Ein weiterer Schlüssel liegt in der Standardisierung. Fachliche Sachverhalte müssen eindeutig beschrieben werden – und zwar so, dass sie von Systemen verarbeitet werden können.
Hier kommen Codes ins Spiel. Sie schaffen eine gemeinsame Sprache, reduzieren Interpretationsspielräume und ermöglichen es, fachliche Zusammenhänge systematisch abzubilden. Dabei ist weniger entscheidend, welcher Code verwendet wird, sondern dass er konsistent eingesetzt wird.
Regeln müssen sichtbar werden
Besonders kritisch ist der Umgang mit fachlichen Regeln. In vielen heutigen Anwendungen sind sie versteckt – eingebettet in Programmlogik, schwer auffindbar und noch schwieriger zu ändern.
Die Konzeptstudie fordert hier ein Umdenken: Regeln müssen explizit modelliert und konfigurierbar sein. Nur so lassen sich rechtliche Änderungen effizient umsetzen und fachliche Entscheidungen transparent nachvollziehen.
Diese Trennung von Daten, Regeln und Prozessen ist kein technisches Detail, sondern eine zentrale Voraussetzung für moderne Fachanwendungen.
Integration statt Insellösungen
Fachanwendungen existieren nicht isoliert. Sie sind Teil eines komplexen Ökosystems aus Behörden, Systemen und Prozessen. Gerade in der Justiz, wo Informationen über Organisationsgrenzen hinweg ausgetauscht werden, ist eine systemübergreifende Sicht entscheidend.
Hinzu kommt die Realität hybrider Prozesse: Digitale und physische Abläufe existieren parallel. Systeme müssen diese Realität abbilden können, ohne Inkonsistenzen zu erzeugen. Das erfordert eine klare Struktur, eindeutige Referenzen und eine durchgängige Datenhaltung.
Nachvollziehbarkeit als Grundprinzip
In der Justiz ist Nachvollziehbarkeit kein «Nice-to-have», sondern eine Grundvoraussetzung. Entscheidungen müssen auch Jahre später noch verständlich sein.
Das bedeutet: Systeme müssen nicht nur Daten speichern, sondern auch den Kontext – welche Regeln galten, welche Versionen angewendet wurden und auf welcher Grundlage eine Entscheidung zustande kam. Versionierung und Protokollierung sind damit integrale Bestandteile der Architektur, nicht nachgelagerte Funktionen.
Der Aufwand lohnt sich
Natürlich bringt dieser Ansatz Herausforderungen mit sich. Die Modellierung fachlicher Logik, die Definition von Codes und die Pflege von Regeln erfordern initial einen höheren Aufwand. Auch die Organisation muss sich darauf einstellen, fachliche Inhalte aktiv zu bewirtschaften.
Doch dieser Aufwand ist eine Investition. Er schafft die Grundlage für Systeme, die flexibel, nachvollziehbar und nachhaltig sind. Systeme, die nicht bei jeder Änderung an ihre Grenzen stossen, sondern sich weiterentwickeln lassen.
Fazit
Die Digitalisierung der Justiz entscheidet sich nicht an der Oberfläche, sondern im Kern der Fachanwendungen. Wer weiterhin nur Prozesse digitalisiert, ohne die fachliche Logik sauber abzubilden, wird langfristig an Grenzen stossen.
Die Konzeptstudie zeigt einen klaren Weg auf: weg von technikgetriebenen Lösungen, hin zu fachlich fundierten Systemen. Systeme, die die Realität der Justiz abbilden – strukturiert, nachvollziehbar und zukunftsfähig.
Genau darin liegt der eigentliche Fortschritt.
